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Quelle: ©Pixabay

70 Jahre Auferstehungskirche

- 29.10.2018 - 

Am Sonntag gab es Grund zum Feiern: 70 Jahre Auferstehungskirche:

Quelle: ©EvKirchePF
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Quelle: ©EvKirchePF
Herr Ziegler berichtet, dass seine Familie 4 Häuser in der Nachbarschaft hatte, auch aus den Trümmern dieser Häuser wurden Steine für den Kirchenbau genutzt.
Herr Schütz berichtet von den Erfahrungen seines Bruders, dessen Oma ihm erzählte, dass der Pfarrer Konfirmanden braucht, die auf der Baustelle helfen. "Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Eigentlich wollte ich kicken gehen. Aber ich wollte meine Oma nicht enttäuschen." Auf der Baustelle bekam er vom Maurer einen halbrunden hellgrauen Stein. Damit sollte er die Ziegeln sauber reiben. Gemeinsam mit anderen machte es dann doch Spaß und "am Ende des dritten Nachmittages war die uns zugewiesene Mauer sauber."

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Kunsthistorikerin Dr. Ulrike Rein berichtet aus der Bauzeit der Auferstehungskirche, als die ehemaligen Feinde Geld gaben, um Kirchen zu bauen. Die Idee: Fertigbauteile, die fertig zusammengebaut vor Ort aufgestellt werden konnten. Nach diesem Prinzip wurden 48 Notkirchen gebaut.
Nicht alle waren begeistert: Wohnungen fehlten, wieso muss man da eine Kirche bauen. Für Bartning waren die Kirchen auch ein Baustein, um die neuen Menschen zu bauen, ein Zelt in der Wüste, auch in der Wüste der Seelen der Menschen.
Die Gemeinde hob die Baugrube aus, beherbergte und verpflegte die Transportleute und säuberte die Steine: jeder Stein spricht seine eigene Sprache. Jeder hat seine eigene Narbe, genau wie das aus der zerstörten Stadtkirche geborgene Kruzifix.
Die Fenster sind überigens nicht original. Ursprünglich war nur Fensterglas eingesetzt: die Außenwelt kam mit ins Gebäude. Die neuen Fenster sind Ausdruck der wieder reich gewordenen Gemeinde späterer Zeit.

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Die Predigt von Christiane Quincke:
Aus Psalm 84:
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

I.
Den Schlüssel halb gedreht
und schon macht das Schloss ein vertrautes Klick
und die Tür geht auf.
Ein vertrauter Geruch empfängt mich, die Katze maunzt.
Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf,
lege den Schlüssel auf die Kommode.
Zuhause - ein gutes Gefühl.

Ich gehe in die Küche, stell die Kaffeemaschine an
und hole Milch aus dem Kühlschrank.
Die Katze liegt auf dem Sofa. Ich setze mich dazu. Endlich.
Angekommen.
Zuhause sein - gut so.

Dort ist im Kühlschrank immer etwas da,
womit ich schnell was kochen kann.
Und im Keller die Flasche Wein.
Zuhause: da sind Menschen, die sich auf mich freuen.
Und manchmal auch die Katze.
Sie mag meinen Mann zwar lieber,
aber ich darf ihr auch das Futter zubereiten.
Zuhause: da dürfen alle meine Gedanken sein -
die leichten und die schweren.
Da kann ich frustriert vor mich hin schimpfen,
eine oder zwei Tränen verdrücken oder auch mehr.
Da kann ich alles aussprechen und denken.
Ungeschminkt. 
Zwischen Bücherregal, Lieblingsfilmen
und Erinnerungstücken von unseren Reisen
komme ich, kommt meine Seele zur Ruhe.

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth.
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn,
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.


II.
Ein Zuhause - das braucht meine Seele.
Wo das Herz entspannt schlagen kann
und die Augen nicht alles wachsam beobachten müssen,
weil sie sich schon auskennen.
Weil mir das vertraut ist.

Es gibt Zeiten, da musst du dein Zuhause verlassen.
Und vielleicht weißt du nicht, wie lange du weg bist
oder ob das für immer ist,
Dann nimmst du etwas mit, was deiner Seele Ruhe gibt.
Was dir Halt gibt.
Ein Foto. Ein Stein.
Vielleicht das erste Freundschaftsband.
Oder die Konfirmationsbibel.
Oder ein kleines Kreuz.
Du kannst es in die Hand nehmen oder du siehst es an.
Und Bilder kommen hoch, die dich lächeln lassen.
Oder auch weinen.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern….



III.
Vor 73,5 Jahren hatten die Menschen in Pforzheim ihr Zuhause verloren.
Wie in so vielen Städten in Europa.
20 Minuten genügten in Pforzheim.
Und zurück blieben Trümmer und Tod.
Und verlorene Seelen.
Verlorene Seelen, die keine Ruhe fanden
und deren Ruhe vor der Zerstörung ihrer Häuser schon trügerisch war.
„So wandeln wir nicht nur immer wieder stumm durch die Wüstenei dieser zerstörten Stadt, sondern jeder von uns ist in der eigenen Seele in Wüste und Verlassenheit geraten.“
So Otto Bartning.
„Wir sind nun Kenner der Wüste geworden.“

Wenn die Seele nicht zur Ruhe kommen kann,
wird sie krank.
Und verbittert.
Sie weiß nicht mehr, wo Gott ist
oder ob es überhaupt noch einen Gott gibt.
Weil sie ihn nicht mehr spüren kann.

Und darum konnte den Pforzheimer Seelen
und allen, die als Geflüchtete dazu kamen,
nichts besseres geschehen,
dass Christen und Christinnen im Ausland das erkannten.
Und Geld gaben.
Ausgerechnet die ehemaligen Feinde gaben Geld,
mit dem Notkirchen gebaut werden sollten.
Ruheplatz für verlorene Seelen.
Ein Zelt in der Wüste.

Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen


IV.
Die Not hat dieses Gotteshaus gestaltet.
Trümmersteine geben ihm von außen ein Gesicht.
Das Kruzifix aus der zerstörten Stadtkirche hier drinnen.
Und bei Trümmersteinen und Kruzifix
sind und bleiben die Spuren der Zerstörung zu sehen.
Ihre Erinnerungen kommen mit in dieses Gotteshaus.
Und mit ihnen die Bilder an Vergangenes,
die dich weinen lassen und vielleicht auch lächeln..

Dieses Haus ist ein Zelt.
Bartning selber nannte es „Zelt in der Wüste“.
Ein Zelt in der Wüste schützt vor Kälte und wilden Tieren.
Aber es ist nichts Bleibendes.
Es führt mir vor Augen: ich bin immer noch unterwegs.
Und ich bleibe es.
So auch hier.
In der inneren und äußeren Wüste wurde ein Zelt errichtet.
Damit meine Seele zur Ruhe kommt.
Aber wissend:
Ich bleibe Wandernde, Pilgerin, Nomadin, Gottsucherin,
Und manchmal auch Fliehende.

Und auch wenn ich hier unbedingt bleiben will,
weiß ich doch, dass ich wieder raus muss.
Obwohl ich vielleicht genau hier die Geborgenheit spüre,
nach der ich mich im Grunde meiner Seele sehne,
kann ich nicht bleiben.
Kraft schöpfen, ja.
Zur Ruhe kommen. Ja.
Aber nicht bleiben.
Ein Zelt ist keine Dauerwohnung.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.


V.
Gott selbst ist unterwegs
Die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, die voranzieht.
Er wohnt nicht in einem unerschütterlichen, bombensicheren Gebäude,
sondern in einem Menschen, dem Jesus aus Nazareth.
Der zog zu Lebzeiten umher
und starb draußen vor den Toren in der Fremde.
Gott zieht mit mir unbehausten Menschen durch die Wüste,
durch die innere und die äußere.

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
Ja, auch ich sehne mich danach,
ganz bei Gott zuhause zu sein.
Doch ich wohne noch nicht bei Gott.
Ich bleibe im dürren Tal, unterwegs.
Aber Gott geht mit mir.
Ist mir so ganz nah.
Und ist in mir.
Auch und gerade in der Wüstenei meines Lebens.

Und dorthin schickt er mich auch wieder hinaus.
Er gibt mir Worte mit,
alte und unbequeme,
die mich Mensch sein lassen
und mir auch da draußen ein Zuhause geben.

Gott schickt mich hinaus,
dass ich ihn dort suche, wo ich ihn nicht vermute.
In den Trümmern und den Spuren von Schmerz und Leid.
In den Tränen der alten Frau auf dem Friedhof
und im Lachen des kleinen Mädchens,
wenn es auf der Mauer hier draußen balaciert..
Gott könnte gerade auf einer Bank am Waisenhausplatz sitzen
und mit einer syrischen Familie Karten spielen.
Er hockt sich vielleicht im Benckiserpark zu den Obdachlosen und hört ihnen zu.
Und ich bin sicher:
er haust in Griechenland mit den geflohenen Familien in ihren Zelten
und er weint mit den Juden und Jüdinnen in Pittsburgh.

Und ja, dort und in diesen Menschen Gott zu spüren,
das ist wie nach Hause zu kommen.
Aber manchmal habe ich nur eine Ahnung davon.

VI.
Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.


Ich wohne noch nicht bei Gott.
Aber ich bin mit ihm unterwegs,
weil ich weiß, dass er mit mir geht.
Ich weiß, dass meine Seele nur mit ihm zur Ruhe kommt.

Und darum bin ich im Unterwegssein sehr froh über Oasen.  
Orte, wo ich Kraft tanken kann.
Wie in dieser Kirche hier.
Das Zelt für meine Seele.  Ein Zuhause, wo gut sein ist.
Hier dürfen alle meine Gedanken sein -
die leichten und die schweren.
Hier kann ich meine Wut vor Gott bringen.
Hier kann ich Brot und Wein mit euch teilen
und eine oder zwei Tränen verdrücken oder auch mehr.
Hier bin ich zuhause
Mit meiner inneren Wüste.  Ungeschminkt.
Mit den Kratzern auf meiner Seele.
Die erkenne ich am Jesus hier wieder (Kruzifix).
Eine Not-Kirche, wo meine Not Platz hat.
Und meine Freude auch.
Und wo mein Herz entspannt schlagen kann.

Dieser Gott hat uns ein Zelt gebaut,
Mit den Trümmern der Stadt
und der Kraft und der Liebe der Menschen.
Hier schöpfen wir Kraft, tanken auf,
Beten und singen - still und laut.
Und bekennen uns zu diesem Gott,
der in den Wüsten des Lebens zu finden ist.

Von hier nehme ich mit, was mir Halt gibt.
Ein Wort. Ein Liedvers. Ein Gebet vielleicht.
Ja, und dann kann ich auch wieder hinaus gehen.
Und mit Gott unterwegs sein.
Amen.

Quelle: ©EvKirchePF

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Musikalisch begleitet wurde der Gotteesdienst durch Organistin Lilli Hahn und den Bezirksbläsern unter der Leitung von Christian Künzler

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Pfarrer Bruno Dörzbacher (Vakanzverwalter) und Thilo Klittich laden ein zum Kirchcafé nach dem Gottesdienst, mit Berichten von Zeitzeugen.

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Herr Stöß berichtet von einer anderen Aufgabe auf der Baustelle. Die angelieferten Holzbinder wurden mit Feuer aus Lötlampen abgeflammt. "Uns Buwe hat ma e Stahlbüste in´d Hand ´drückt und gsagt: des schwarze muss weg."

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An einigen Stellen ist das geflämmte Holz noch zu sehen, entweder sie wurden nicht fertig, oder "vielleicht ware ma ach mied."

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Und noch eine Aufgabe gab es: Die Dachziegeln wurden nach Pforzheim geliefert und kamen am Bahnhof an. Zuerst wurden sie mit einer langen Eimerkette zur Baustelle gebracht. Später wurde vom aufgeschütteten Sandstein-Aushub ein Brett zum Dach hoch gelegt. Darauf saßen dann die Konfirmaninnen "wie Hühner auf der Stange" und haben die Ziegel von Hand zu Hand nach oben auf das Dach gereicht.

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Frau Wolfinger berichtete, dass die Baustelle für sie alle ein großes Abenteuer war. Für sie ist das Kruzifix von besonderer Bedeutung, da ihr Vater es in den Trümmern der Stadtkirche gefunden hatte.

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Der Architekt Otto Bartning bezeichnete seine Notkirchen auch als Zelt in der Wüste: die äußerlich sichtbare Wüste im zerstörten Nachkriegsdeutschland und die innere Wüste in den Seelen der Menschen.
Die Auferstehungskirche war die erste der 48 in Deutschland gebauten Notkirchen.

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